Kreisverband Bodenseekreis

Sich der Geschichte zu erinnern, ist ein Zeichen von Klugheit
(aus der Schwäbischen Zeitung vom 29.1.2019 - sig)

Hinschauen statt wegschauen: Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Fridolin-Endraß-Platz


Traditionell auf dem Fridolin-Endraß-Platz ist am Internationalen Holocaust-Gedenktag der sechs Millionen ermordeten europäischen Juden, der Sinti und Roma, der Zwangsarbeiter und der vielen Opfer des Nationalsozialismus gedacht worden. Nicht zuletzt dem in Mariabrunn geborenen Widerstandskämpfer Fridolin Endraß, dem Eisenbahner und Gewerkschaftler in Friedrichshafen, der von den Nazis verhaftet und 1940 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde.
Mitglieder des 2015 ins Leben gerufenen überparteilichen Bündnisses für Demokratie und Toleranz legten am Sonntagabend vor Mitbürgern einen Kranz nieder, nachdem sie von Bürgermeister Dieter Stauber und Thomas Henne vom Bündnis begrüßt worden waren. Gemeinsame Werte verbinden, warb Henne für ein gesellschaftliches Miteinander in der weltoffenen und toleranten Stadt Friedrichshafen, für Vielfalt statt Einfalt, zum Stellung beziehen und Farbe bekennen für eine tolerante, bunte Gesellschaft. Die Herkunft und Farbe der Menschen spiele keine Rolle. Kinder in Armut haben viele Gesichter, sagte er.
Zum Hinschauen statt Wegschauen vor den Gräueltaten der Nazis gebe es keine Alternative. Der Bündnis-Sprecher berichtete von seinem Besuch in Bundeswehr-Uniform im Jahr 1983 in Bergen-Belsen und seine Erinnerung daran, aus der er Kraft schöpfe. Henne fragte nach den Grenzen der Toleranz und gab selbst die Antwort: Die Toleranz ende da, wo der Mensch die freiheitliche Grundordnung infrage stellt. Und diese Toleranz fange früh an.
Bürgermeister Dieter Stauber, einst Initiator des Bündnisses, nahm den Ball auf und machte klar, nicht einverstanden zu sein mit dem damaligen Ausgrenzen, Demütigen und Töten eines Teils der Bevölkerung und der Suche nach Sündenböcken. "Das nehmen wir nicht hin", machte er klar. Um die Nazi-Schreckensherrschaft wisse man. Sich der Geschichte zu erinnern, sei ein Zeichen von Klugheit, kündigte er heutigen Demagogen und Hetzern Widerstand an, was auch eine große Aufgabe und Herausforderung für die nächste Generation sei. Dieser Herausforderung sei nicht mit Abschottung zu begegnen, rief er zur Verbindung mit Menschen anderer Hautfarbe und Nationalitäten auf. Damit entziehe man heutigen Hetzern den Nährboden.
Gedenken heiße, die Leiden der Opfer zu sehen, zitierte Pfarrer Jan Welchering von der katholischen Kirche Papst Franziskus, ehe er zum gemeinsamen Gebet einlud. In besonders würdiger Weise umrahmte ein Bläserensemble des Stadtorchesters Friedrichshafen die Feier, ehe Mitglieder des Jugendparlaments bei einbrechender Dunkelheit heiße Getränke für einen sozialen Zweck anboten.