Kreisverband Bodenseekreis

 

+++ Pressebericht vom 25. März 1998 +++

ödp: So wird der Verbraucher durch die Lebensmittelindustrie irregeführt

Fast jeder hat sie schon gegessen, ohne es zu wissen: Ausscheidungen von Schimmelpilzen im "Zitronen"-Joghurt oder Produkte aus Sägemehl im "Erdbeer"-Quark und unzählige weitere künstliche Aromen aus billigen Rohstoffen. Auf diesem Gebiet ist in den letzten Jahren eine neue schnell wachsende Industrie entstanden. Einen Einblick in diese Thematik konnten die Besucher der letzten Informationsveranstaltung der Ökologisch-Demokratischen Partei (ödp) in Markdorf nehmen, auf der die stellvertretende Kreisvorsitzende Monika Marschall-Büchele die Praktiken und immer raffinierteren Tricks dieses Industriezweiges vorstellte. Der Einfallsreichtum der Nahrungsmittelindustrie ist enorm. Sie findet immer neue Möglichkeiten, um natürliche Lebensmittel durch billige, ernährungswissenschaftlich nahezu wertlose Rohstoffe zu ersetzen. Die obigen Beispiele sind nur zwei von Tausenden. Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen, etwa mit Pfirsicharoma aus Rizinusöl oder Kokosaroma aus speziellen Pilzen. Heute ist bereits die Hälfte unserer Nahrung mit derartigen Aromen angereichert, die aber vor dem Gesetz nicht als "künstlich" gelten, da die Rohstoffe wie beispielsweise das Sägemehl als Ausgangsprodukt für Erdbeeraroma oder die Ausscheidungen von Schimmelpilzen zur Erzeugung von Zitronenaroma ja in der Natur vorkommen. Für die Zukunft sind bereits Patente angemeldet, um Brot mit Produkten. aus Baumwollfasern "anzureichern".

Der Gewinn der beteiligten Firmen ist enorm: Meist reichen bereits Millionstel Gramm dieser Ersatzstoffe aus, um beispielsweise Joghurt den Geschmack von Erdbeeren zu geben, ohne auch nur ein Gramm echte Erdbeeren zuzufügen. Die typische Farbe kann mit künstlichen Farbstoffen erzielt werden. Die Verbraucher sind diesem Treiben nahezu achtlos ausgeliefert. Im Gegensatz beispielsweise zu den USA gibt es bei uns diesbezüglich keine eindeutige Kennzeichnungspflicht. Steht in den USA beim oben erwähnten Joghurt etwa "künstliches Aroma" auf dem Etikett, so reicht bei uns die Bezeichnung "Erdbeeraroma" aus. Dies grenzt nach Auffassung der ödp an bewußter Irreführung und Täuschung der Verbraucher. Dies ist umso bedrohlicher, da die Auswirkungen derartiger verfälschter Lebensmittel, neben Aromen auch noch Enzyme oder künstliche Süßstoffe, beute noch nicht bekannt sind. Es gibt aber bereits Hinweise auf Allergien oder Mangelerscheinungen trotz Übergewicht, die möglicherweise in Verbindung damit stehen. Auch hier hat die beteiligte Industrie meist Lösungen parat: Sie zieht dann aus der Beseitigung des von ihr mitverursachten Mangels nochmals Gewinn. Die Probleme verstärken sich noch, wenn Kinder bereits vom Säuglingsalter an auf derartige Stoffe geprägt werden. Sie ziehen dann auch als Erwachsene diese meist intensiveren Aromen den natürlicben Aromen vor und geraten somit in eine bedenkliche Abhängigkeit. Die ödp fordert deshalb, schnellstmöglich eine Kennzeichnungspflicht für alle in Lebensmitteln enthaltenen Zusatzstoffe einzuführen und für jeden einzelnen künstlichen Zusatz einen Unbedenklichkeitsnachweis seitens der Industrie zu erbringen. Bis dahin haben die Verbraucher nur wenig MögIichkeiten, sich vor derartigen Machenschaften zu schützen: Ganz wichtig ist, beim Einkauf verstärkt auf das Etikett zu achten und nach versteckten Hinweisen zu überprüfen. Ein weiterer Ratschlag der ödp: nur selten auf vorgefertigte Mahlzeiten zurückgreifen, sondern weitestgehend aus Grundnahrungsmitteln, möglichst direkt vom Erzeuger gekauft, wieder kochen wie zu Großmutters Zeiten.