Kreisverband Bodenseekreis

 

+++ Pressebericht vom 6. März 2001 +++

Bodenseeraum trägt Last der schweizer Atompolitik

Atomphysiker Prof. Dr. Buchner: Schweiz exportiert ihre Radioaktivität zu uns.

"Was aus der Schweiz zu uns kommt, ist alles andere als harmlos, besonders für Kinder", so faßte der Atomphysiker Prof. Dr. Klaus Buchner von der Technischen Universität München die Auswirkungen der Atomanlagen an der deutsch-schweizerischen Grenze auf die Bodenseeregion zusammen. Er war auf Einladung der Ökologisch-Demokratischen Partei (ödp) nach Überlingen gekommen, um über die bestehenden Anlagen sowie das geplante Endlager für radioaktiven Müll am Hochrhein zu informieren - ein Thema, das für die ödp zu den Kernthemen gehört, neben Gerechtigkeit für Familien und Stärkung der Demokratie, wie die Landtagskandidatin Annedore Schmid in ihrer Einführungsrede erläuterte. Sie selbst war aufgrund dieser Problematik kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in die ödp eingetreten.

In der Nähe des geplanten schweizer Endlagers gibt es bereits heute eine ganze Reihe von Atomanlagen, deren Sicherheit Prof. Dr. Buchner in Frage stellte: Im Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle bei Würenlingen, einem Lager für mittelaktiven Abfall, einer "heißen Zelle" und einer Verbrennungs- und Schmelzanlage gibt es verschiedene Prozesse, bei denen nach seiner Aussage "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" Radioaktivität in die Umwelt entweicht. Aufgrund des häufig auftretendes Westwindes wird diese dann auch in die Bodenseeregion getragen. Die Schweiz entledigt sich somit ihres Atommülls auf unsere Kosten, exportiert Radioaktivität nach Deutschland. Dies bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen in der Bodenseeregion: Aktuelle Untersuchen beweisen laut Buchner eindeutig einen Zusammenhang zwischen Radioaktivität und Krebs. In der Nähe von deutschen Kernkraftwerken, das belegen Studien wie beispielsweise vom Bundesamt für Strahlenschutz oder vom Deutschen Kinderkrebsregister, treten ca 40 Prozent mehr Kinderkrebsfälle auf als im Bundesdurchschnitt, bei akuter Leukämie sogar 76 Prozent.

Angesichts dieser Zusammenhänge fragte Buchner: "Warum wehren sich die Bürger nicht gegen diese unsichtbare Bedrohung?" Von den großen Parteien, egal ob an der Regierung oder in der Opposition, können sich die Bürger jedenfalls keine Hilfe in dieser Frage erwarten: "Verlassen Sie sich nicht auf die Regierungsparteien!" rief Buchner den ca 25 Zuhörern zu. Es gibt zur Zeit nur zwei Möglichkeiten: aktiver Widerstand und Demonstrationen der Bevölkerung oder juristische Schritte. Hier hat die ödp bereits Initiative ergriffen und eine formelle Beschwerde eingereicht, die mittlerweile in Teilen von ca 20 deutschen Stadtwerken mit eigenen Beschwerden untersützt wird. Ihr Ansatzpunkt sind die gewaltigen Subventionen, die in Deutschland in die Kernenergie gesteckt werden: jährlich mehrere Milliarden DM, im Bereich der Haftpflicht (hier zahlt der Steuerzahler mit), im Bereich der Endlagerung und bezüglich der Steuerbefreiung von Kernbrennstoffen. Die ödp stützt sich dabei auf die aktuelle Rechtslage in der Europäischen Union, die derartige Subventionen verbietet. "Nach heutigem EU-Recht muss unsere Beschwerde durchkommen", ist Buchner optimistisch. Und wenn diese Subventionen gestrichen werden, stehen alle Kernkraftwerke angesichts nicht konkurrenzfähiger Preise nach kurzer Zeit still: Allein eine realistische Haftpflichtversicherung würde die Kilowattstunde Atomstrom auf einen Wert zwischen 3 DM und 1 DM verteuern. "Würden auch noch die anderen, bisher vom Steuerzahler übernommenen Kosten auf den Strompreis umgelegt, wäre Atomenergie unbezahlbar."